Holidu – Bruderlieber – brand eins Artikel

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Ein einziges Mal haben sie sich nicht an die Regeln gehalten. Vor knapp zweieinhalb Jahren war das. Da stritten die beiden Gründer des Ferienhausportals Holidu so sehr, dass am Ende gar nichts mehr ging. Es brauchte einen Vermittler, und so setzte sich Jan Willem Siebers in den Zug von Offenburg nach München. Wer da anreiste, war der Vater. Michael und sein Mitgründer Johannes sind Brüder.

Sie sind füreinander die wichtigsten Menschen. Acht bis zehn Stunden sehen sie sich in ihrer Firma, Tag für Tag. Ein Großraumbüro im vierten Stock eines Gewerbe-Komplexes in München, bei ihnen sieht es aus wie in einem typischen Start-up: Alle sitzen in einem Raum vor ihren Laptops, an den Wänden kleben bunte Post-its, Obst und Kaffee sind selbstverständlich gratis. Dass hier mit Urlaubsvermittlung Geld verdient wird, erkennt man nur an den Strandkörben und den ausrangierten Flugzeugsitzen im Aufenthaltsraum.

Michael Siebers, 29, offenes Lachen, blaue Augen, die blonden Haare lässig zur Seite geföhnt, ist der Mann für die Technik, derjenige, der bis spät in die Nacht noch arbeitet. Johannes, 33, braune Wuschelfrisur, Hemd, den Pullover über die Schultern gelegt, ist der Mann für Finanzen und Verträge. Wenn es darum geht, neue Partner zu gewinnen, setzt er sich in den Flieger.

Sie vertrauen niemandem mehr als einander. Aber die gemeinsame Firmengründung machte ihnen trotzdem Angst. Was, wenn ihre Beziehung daran zerbräche? Was, wenn die Eltern mit reingezogen würden?

Alles fing im Dezember 2012 an, als Michael und Johannes Siebers Urlaub in Portugal machen wollten und nach Unterkünften suchten. Sie waren genervt von den unübersichtlichen Angeboten und dachten, es wäre doch eine gute Idee, eine Suchmaschine für Ferienhäuser zu entwickeln. Die beiden beschlossen, das Risiko einzugehen: 2014 gründeten sie ihre Firma Holidu, als Brüder.

Mittlerweile hat Holidu 150 Mitarbeiter, zehn Millionen Häuser und Wohnungen in der Datenbank, Millionenumsätze, genügend Investoren und die schwarze Null im Blick. Dass die großen Konkurrenten sich nicht auf dieses Geschäft gestürzt hätten, liege an einer Besonderheit, sagt Michael Siebers. Häuser und Wohnungen seien oft auf verschiedenen Websites gelistet, mit jeweils anderen Namen. Einmal handle es sich um eine „schicke Altbauwohnung“, dann wieder um ein „zentral gelegenes Apartment“.

Die Brüder haben einen Algorithmus entwickelt, mit dem sie die Bilder aus verschiedenen Anzeigen analysieren können. So können sie Duplikate identifizieren, den Preis vergleichen und das beste Angebot auf der eigenen Website anbieten. Für jede vermittelte Unterkunft erhalten sie eine Provision.

In ihrer Firma pflegen Michael und Johannes Siebers eine offene Kultur, in der alle ihre Meinung sagen und auch mal streiten sollen. Gerade weil sie Brüder seien, hielten sie das gut aus, sagen sie. Dass ein Streit eskaliert, sei nur dieses eine Mal vorgekommen. „Wir vertrauen uns zu hundert Prozent, wir kennen jeden Tick, jede Schwäche und jede Stärke des anderen und kommunizieren extrem schnell. Mit welchem anderen Menschen hat man das schon?“, sagt Johannes Siebers. Er glaubt, dass sie schneller und konsequenter Entscheidungen treffen als andere Gründer.

Das Brüdersein hilft ihnen im Geschäft. Und auch, dass sie so unterschiedlich sind.

Johannes und Michael Siebers sind behütet aufgewachsen, in Offenburg im Schwarzwald, im großen Haus der Eltern. Gemeinsam mit ihrer Schwester, sie ist das zweite der drei Kinder. Ihre Mutter hat Medizin studiert, ihr Vater war viele Jahre Chefarzt der Gynäkologie des örtlichen Krankenhauses. Als Kinder waren die beiden Brüder eher introvertiert und verschlossen, aber ehrgeizig. Der Ältere war besser in der Schule, was den jüngeren wurmte, der jüngere war handwerklich geschickter, was den älteren anstachelte. Es gab Konkurrenzkämpfe, und manchmal rauften sie sich – aber nie schlimm und nur so lange, bis Michael genauso stark war wie Johannes. Das war früh der Fall.

Regel 1: Verantwortungen sind strikt getrennt

Wenn man die zwei Brüder in ihrer Firma besucht, merkt man schnell, dass Johannes Siebers der ältere ist. Auch wenn sie beide gleichberechtigte Chefs sind, spricht er bei den Teammeetings zuerst. Er ist auch der vernünftigere.

Als Kind hielt er sich an die Regeln der Eltern, in der Schule schrieb er gute Noten. Johannes sei alles zugeflogen, sagt seine Mutter Sabine Siebers. Erfolg im Sport, am Klavier, in der Schule. Mit 14 Jahren handelte er aus seinem Kinderzimmer heraus erstmals mit Aktien, gewann viel Geld, verlor am Ende aber alles, weil er nicht rechtzeitig verkaufte. Johannes Siebers ist einer, der gern länger nachdenkt und lieber eine Nacht vergehen lässt, bevor er etwas entscheidet.

„Johannes ist in jedem Fall der Kopfmensch“, sagt Simon von Hertzberg, der Johannes aus dem Spanisch-Kurs an der Uni kennt und nun bei Holidu arbeitet. Wenn man Michael Siebers fragt, wie er seinen Bruder beschreiben würde, sagt er: „Mutig, neugierig und detailverliebt.“ Und nach einer Pause: „Fokussiert“, manchmal ein wenig zu sehr.

Nach dem Abitur studierte Johannes Siebers internationale Betriebswirtschaftslehre in Tübingen, Madrid und Sydney und fing danach bei Siemens an. Dort kümmerte er sich in der Risikokapital-Sparte des Konzerns darum, Start-ups zu fördern. „Ich war immer stolz darauf, wie er das gemacht hat“, sagt sein jüngerer Bruder.

Michael Siebers war immer mehr der Machertyp und rebellischer. Hatte er Hausarrest und Computerverbot, legte er heimlich Kabel über den Balkon. Als kleiner Junge baute er einmal eine riesige Holzeisenbahn quer durch ein Zimmer, ein anderes Mal im Garten eine Seilbahn. „Michael hatte schon in der Jugend seine Projekte“, sagt seine Mutter. Er habe sie aber selten allein umgesetzt, sondern meist seinen älteren Bruder gefragt. Der half ihm gern.

Mit 14 Jahren wurde Michael Siebers zu einem begeisterten Programmierer. Erst entwickelte er eine Art SchülerVZ für seine Stadt, später die Anwendung Picturecloud, die wie Dropbox funktioniert. In der Schule war er nicht so gut. Während seine Eltern das hinnahmen, habe sein Bruder ihn „gepusht“, besser zu werden, sagt er. „Er hat mich immer angestachelt. Heute stacheln wir uns gegenseitig an.“

In gemeinsamen Gesprächen wirft Michael immer wieder einen Blick zu Johannes, schaut, ob er ansetzt zu reden, und wenn nicht, spricht er. Der ältere Bruder wiederum sitzt auf beiden Händen und schaukelt mit seinem Oberkörper vor und zurück, wenn der jüngere redet.

Nach seinem Abitur studierte Michael Siebers Informatik in Karlsruhe und Südafrika, dann begann er, als Werkstudent bei Zalando zu arbeiten. Dort baute er mit seinem damaligen Chef Arash Yalpani das IT-Team auf, programmierte und übernahm die Verantwortung für größere Projekte. In dieser Zeit sammelte er auch Managementerfahrung. „Michael denkt mit. Dem kannst du eine komplexe Aufgabe geben, und der macht eigenständig etwas daraus“, sagt Yalpani.

Es war auch Michael Siebers, der die Nächte durcharbeitete und seinen Job zuerst schmiss, als sie beschlossen, ein Unternehmen zu gründen. Johannes Siebers blieb noch vier Monate lang bei Siemens und unterstützte seinen Bruder vor und nach der Arbeit. Als die erste Version des Pro- duktes stand, kündigte er.

Holidus Firmenzentrale liegt, wenig idyllisch, in einem Industriegebiet im Münchener Stadtbezirk Moosach. Dass sie ihr Unternehmen dort gründeten, lag daran, dass Johannes Siebers schon in der Stadt lebte und sein Bruder nach dem Studium flexibel war.

Die beiden Brüder sind nicht immer die Ersten, aber die Letzten im Büro, sie arbeiten viel. Am Anfang waren es 70 Stunden pro Woche, jetzt sind es um die 60. Ihre Büros sind nur wenige Schritte voneinander entfernt. „Wenn man sich mal über etwas auslassen muss, geht man schnell ins Büro des anderen“, sagt Michael Siebers. Auch wenn es ein Problem in der Firma oder zwischen ihnen gibt. „Wir müssen nicht auf eine Feedback-Runde warten“, sagt Johannes Siebers.

Abends sitzen die Brüder in den Strandkörben im Gemeinschaftsraum und bringen sich auf den neuesten Stand über „den anderen Teil“ der Firma. Denn das ist ihre vielleicht wichtigste Regel: Ihre Verantwortungen sind strikt getrennt. Michael Siebers entscheidet über Technik, Johannes Siebers über Finanzen. „Das letzte Wort bei Entscheidungen hat immer der, in dessen Bereich die Entscheidung fällt“, sagt Johannes Siebers. „Einen einzigen Boss gibt es nicht. Wichtige Entscheidungen treffen wir zusammen.“

Als sie die Firma gerade gegründet hatten, sagt Chris Hitchen, einer ihrer Investoren, hätten sich Johannes und Michael Siebers in einer Investorenrunde beide als Managing Director vorgestellt. Für die Geldgeber sei das irritierend gewesen. Wer denn nun der Boss sei, hätten sie gefragt. Wir beide, antworteten die Brüder. „Die beiden ergänzen sich, die sind mehr so eine Symbiose“, sagt Hitchen.

Regel 2: Der Familienfrieden muss gewahrt bleiben

Das erste Büro von Holidu in München war sehr klein: 100 Quadratmeter, knapp ein Dutzend Mitarbeiter, draußen brütete die Hitze, drinnen schwitzten die Programmierer. Innerhalb nur weniger Wochen wuchs die Firma schnell. Das führte dazu, dass überall Männer in T-Shirts, Badehosen und Laptops auf dem Schoß herumsaßen, ihre Füße in Eimern mit Eiswasser. Es sei die Zeit gewesen, in der die Brüder lernen mussten, dass sie auch führen müssen, sagt Hitchen. „Das sind keine geborenen Führer. Aber sie haben von anderen und untereinander extrem schnell und viel gelernt.“ Nach sechs Monaten wurde das Büro zu klein – und die Firma zog in das Gebäude in Moosach.

Als Michael Siebers von Karlsruhe nach München zog, schlief er bei seinem Bruder im Wohnzimmer, bis er eine eigene Wohnung gefunden hatte. Die Brüder teilten sich ein Hotelzimmer, wenn sie reisten. Sie reisten viel in den ersten zwei Jahren. All das stärkte das Band zwischen ihnen.

Thomas Hax-Schoppenhorst, Pädagoge an der psychiatrischen Fachklinik LVR-Klinik Düren und Buchautor zu dem Thema Geschwisterbeziehungen, erklärt: Meist entwickelten sich zwei Geschwister sehr unterschiedlich, wenn ihre Eltern das förderten. „Wenn beide unterschiedliche Richtungen einschlagen und die Rolle, die damit einhergeht, zufrieden ausfüllen, gibt es keine bessere Beziehung“, sagt Hax-Schoppenhorst. „Dann gibt es meist blindes Vertrauen.“

Angst, dass sie mit der Firma die Familie zerreißen könnten, hatten auch ihre Eltern. „Wenn es der Familie schaden würde, sollen sie es lieber lassen“, sagt Sabine Siebers noch heute. „Bisher läuft das aber alles sehr harmonisch, das ist dann toll.“ Dass sich Gründer wegen finanzieller Fragen oder strategischer Entscheidungen zerstreiten, kommt häufig vor.

Regel 3: Persönliches bleibt in der Firma außen vor

Dieses Risiko bestehe immer, und Brüder, sagt Hax-Schoppenhorst, seien in dieser Hinsicht besonders gefährdet: „Die Brüderbeziehung kann etwas sehr Starkes sein, aber deshalb auch etwas extrem Zerstörerisches.“

Für alle Varianten gibt es Beispiele: Die in der deutschen Start-up-Szene bekanntesten Brüder, die gut zusammenarbeiten, sind Marc, Oliver und Alexander Samwer. Erst wurden sie mit Klingeltönen Millionäre, dann bauten sie mit Rocket Internet einen der wichtigsten Inkubatoren für junge Unternehmen hierzulande auf. Mit ihrer Hilfe sind Firmen wie Home24 oder Zalando erfolgreich geworden. In der Popkultur für ihre ständigen Anfeindungen unvergessen sind dagegen die Brüder Liam und Noel Gallagher, die bis 2009 als Oasis zusammenspielten, die Band dann aber auflösten.

Die ersten Jahre waren für die Brüder anstrengend. „In der Anfangszeit, wenn wir keinen Schlaf hatten, gestresst waren, die Verantwortung groß war: Klar, streitet man da schneller mal“, sagt Johannes Siebers. Man ärgere sich über den anderen, obwohl es nur um Kleinigkeiten gehe. „Aber dadurch dass wir Brüder sind, vergessen wir kleine Streits viel schneller wieder“, sagt Michael Siebers.

In ihrer Firma diskutieren die beiden miteinander und mit ihren Mitarbeitern manchmal bis ins kleinste Detail, aber es werde nie persönlich, sagt Simon von Hertzberg. „Die diskutieren schon heftig, aber es geht immer um die Sache.“

Nur das eine Mal, als ihr Vater anreisen musste, ging es schief. Damals waren viele Dinge zusammengekommen: Die Brüder stritten sich um Zuständigkeiten in der Firma, über die Quartalsplanung, und weil sie sich kaum noch sahen, tauschten sie sich zu wenig aus. Der eine ärgerte sich, weil ihm einige Neuigkeiten nicht mitgeteilt wurden, der andere darüber, dass die Meetings schlecht geplant waren.

Viele Kleinigkeiten, die sich aufgestaut hatten und nun aus beiden herausbrachen. „Das war schon ernst“, sagt Jan Willem Siebers, der Vater, das habe er vor Ort gemerkt. Über Stunden sprachen sie sich aus, es wurde laut, mit Türen geknallt. Aber am Ende konnte der Vater beide beruhigen, sie machten eine Flasche Wein auf, reichten sich die Hand und arbeiteten weiter. „Das ist dann der Unterschied, wenn man als Brüder gründet“, sagt Johannes Siebers, „beide wissen, ohne den anderen mach’ ich das hier nicht.“

Seit diesem Vorfall gibt es eine dritte Regel: Alle zwei Wochen – wenn es zeitlich passt – gehen die Brüder abends essen. „Wir sprechen über Privates, was wir im Büro kaum schaffen“, sagt Johannes Siebers. Sie haben gemeinsame Freunde, gehen zusammen aufs Oktoberfest, fahren mit der Familie in den Urlaub und an den Wochenenden manchmal zusammen weg. Außerhalb des Büros ist das Thema Holidu dann tabu.

Während ihre Mitarbeiter vor ihren Laptops tippen und telefonieren, sitzen Johannes und Michael Siebers mittlerweile fast nur noch in Meetings. Den anderen immer auf den neuesten Stand zu bringen sei zu einer der größten Herausforderungen geworden, sagt Johannes Siebers. „Umso größer der Laden hier wird, desto schwieriger wird das.“ Gerade deswegen kommen sie abends zusammen und besprechen die nächsten Schritte. Der Lieferbote bringt ihnen fast jeden Abend Essen vorbei.

Dadurch dass sie sich so oft austauschen, könne sie auch kein Mitarbeiter oder Investor gegeneinander ausspielen, auch das sei ein Pluspunkt, sagen die Brüder.

In den vergangenen vier Jahren wurden sie oft nach ihrer Gründungsgeschichte gefragt. Dabei kam immer wieder dieselbe Frage auf: Obwohl ihr Brüder seid? Seit einiger Zeit haben Johannes und Michael Siebers darauf eine Standardantwort: gerade weil.

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